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TU Berlin

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Die Geburt einer Idee und der veränderte Blick auf die Welt

Hybridplattform

Im Projekt „Rethinking Prototyping“ lernen kreative Köpfe der TU Berlin und der Universität der Künste Berlin voneinander – und müssen bisweilen auch ein bisschen übereinander schmunzeln

Im Virtual Reality Solution Center werden Produkte sichtbar, die es noch nicht gibt – wie ein Verleihsystem mit Pedelecs
Lupe

Die Idee ist da. Manchmal wabert sie noch etwas unklar im Kopf herum. Damit andere sie verstehen können, muss sie sich aber irgendwie manifestieren – ein Problem, dem Ingenieure, Informatiker, aber auch Designer gegenüberstehen. Auch wenn sie aus verschiedenen Disziplinen stammen, im Kern treibt sie die gleiche Frage um: Wie kann eine Idee ihren Weg in die Wirklichkeit finden?

Dass es manchmal hilfreich ist, über den Tellerrand zu schauen, zeigt das Projekt „Rethinking Prototyping“ der Hybridplattform, das von der Einstein-Stiftung gefördert wird. Forscher, Designer und ihre Kolleginnen von der TU Berlin und der Universität der Künste Berlin (UdK) haben sich hier zusammengeschlossen und arbeiten in drei Teilprojekten gemeinsam.

Nicht immer verstehen sie sich sofort, was auch an den Begrifflichkeiten liegt. „Prototyp“ zum Beispiel. „Der Begriff stammt aus dem Griechischen. Damit ist eine Vorversion gemeint. Für mich ist selbst das Produkt, die fertige Software, ein Prototyp, weil letztlich auch diese weiterentwickelt wird. Andere sehen das anders“, sagt Benjamin Bähr, wissenschaftlicher Mitarbeiter am TU-Institut für Softwaretechnik und Theoretische Informatik.

In seinem Teilprojekt „Blended Prototyping“ forscht Bähr gemeinsam mit der Fotografin und Interaction-Designerin Stephanie Neumann an einer Technik, die es erleichtern soll, mobile Software für Android-Handys zu entwickeln. Wer auf seinem Smartphone herumwischt, vergisst schnell, wie komplex die Programmiersprache eigentlich ist, die hinter den bunten Bildchen steckt. Diese Kluft tut sich auch bei der Entwicklung auf: Der Entwickler soll nicht erst mühsam die Software programmieren müssen, um dann festzustellen, dass seine Idee doch nicht so gut war. Nutzerinnen und Erfinder sollen vielmehr in einem möglichst frühen Stadium die App erproben können.

Bei „Blended Prototyping“ steht zudem der natürliche Designprozess im Vordergrund, die Art und Weise also, wie Menschen ungehemmt und kreativ Ideen entwickeln. „Wenn man etwas entwirft, ist es normal, dass man gemeinsam an einem Tisch sitzt und etwas bespricht. Und es ist natürlich, dass man dabei zu Papier und Stift greift“, sagt Bähr.

Die Lösung: eine „Tabletop-Computing-Umgebung“ – ein Tisch, über dem verschiedene Kameras und Projektoren installiert sind, die wiederum mit einem Tablet und einem interaktiven Computersystem verbunden sind. Über Kameras und Barcodes wandern die Papierentwürfe in die virtuelle Welt und können dort mit Befehlen versehen werden. Dies alles wird von einem Algorithmus automatisch in einen Code verwandelt, der für die spätere Software genutzt und umgeschrieben werden kann.

Diese Erfindung wollen auch die Kollegen von „Hybrid Prototyping“ nutzen. Verantwortlich für dieses Teilprojekt sind Prof. Dr.-Ing. Rainer Stark, Leiter des TU-Fachgebiets Industrielle Informationstechnik, und Prof. Dr.-Ing. Christoph Gengnagel aus dem Bereich Konstruktives Entwerfen und Tragwerksplanung an der UdK. Auch hier führt der Weg der Idee in die Wirklichkeit über die virtuelle Welt, beziehungsweise über einen schwarzen Kasten – das Virtual Reality Solution Center, das sich in den Laboratorien des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik befindet. Hier können Stark und sein Team mittels eines Technologiemix Produkte sehen, die es noch nicht gibt. Nun wollen sie sogar noch einen Schritt weiter gehen: Die Zukunft soll hier nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar werden.

Wenn die digitalen Simulationsmodelle und die Laborhardware so weit sind, soll in der schwarzen Box Mobilität erfahrbar werden. Dann kann man dort in einem virtuellen Berlin ein Verleihsystem mit Pedelecs erproben – und herausfinden, wie nicht nur das Rad, sondern auch die Dienstleistungen drumherum aussehen müssen. Stark und sein Team entwickeln hybride Leistungen, sogenannte „Product Service Systems“ (PSS)-Prototypen.

Der Ingenieur ist von den unterschiedlichen Denkweisen fasziniert, die bei „Rethinking Prototyping“ aufeinanderprallen. „Der Entwickler ist eine bestimmte Spezies von Mensch. Er wird zumeist hinter geheimen Mauern gehalten, lebt in seiner technischen Welt und forscht dort sehr zielorientiert“, sagt Stark. Künstler und Architekten seien da ganz anders: „Mehr User-orientiert, sie probieren mehr aus und erstellen gerne interaktive Installationen“, fügt er schmunzelnd an.

Professor Jussi Ängeslevä ist vielleicht einer von jenen, die ebendiese andere Sichtweise auf die Welt haben. Wenn er von Prototyping redet, meint er damit meist die Werkzeuge des Rapid Manufacturing: Drucker, Fräse, Lasercutter. Auch er hat wie Stark mit PSS zu tun. Seine Frage aber ist eine andere: „Uns geht es nicht um Optimierung, sondern um Werte“, sagt der Designer, der Gastprofessor am Institut für Zeitbasierte Medien der UdK ist. Was ihn umtreibt, ist die Frage nach der Aura des digital Hergestellten. Hatten früher Objekte eine Seele oder eine besondere Bedeutung dadurch, dass der Künstler sein Herzblut hineingesteckt hat, fällt dies heute in Zeiten der Produktion durch Maschinen weg. Im Bereich „Beyond Prototyping“ entwickeln Ängeslevä und sein TUKollege Prof. Dr. Marc Alexa vom Fachgebiet Computer Graphics algorithmische Produkte, deren Herstellungsprozess vom Designer so gestaltet ist, dass der Verbraucher an bestimmten Stellen mitbestimmen kann: „Wir versuchen Nischen zu finden, die der Endnutzer mit Bedeutung füllen kann“, erläutert Ängeslevä.

Ein Beispiel ist der „Locatable“: ein Tisch, in dessen Oberfläche eine abstrahierte Kartenansicht eingraviert wird. Wie breit die Straßen und wie tief sie eingefräst sind – die gesamte gestalterische Form haben Ängeslevä und seine Kollegen festgelegt. Den Kartenausschnitt aber bestimmt der spätere Besitzer. Spezielle programmierte Fräsen, die mit einer Online- Database und OpenStreetMap.org verbunden sind, machen es möglich.

„Wir erschaffen letztlich in unserem Projekt benutzbare Real-World Services, um eine Grundlage für ein Gespräch mit dem End-User zu schaffen“, sagt Ängeslevä. Ein Anliegen, das dem Ingenieur Rainer Stark lange fremd war, aber mittlerweile vertrauter ist. Eines bedauert der Ingenieur inzwischen sogar: „Nach den gemeinsamen Treffen kehrt jeder in seine Welt zurück. Man bräuchte eigentlich einen gemeinsamen Raum.“

http://rethinking-prototyping.org

Susanne Hörr / 3eins4 2013

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